Rendite, Zinseszins und Risiko: wie dein Geld wirklich wächst
Wie der Zinseszins funktioniert, welche Rendite realistisch ist, was Kosten und Inflation davon abziehen und wie viel Schwankung dazugehört.
Inhaltsverzeichnis
Rendite ist die Zahl, über die alle reden, und gleichzeitig die einzige der drei Stellschrauben beim Vermögensaufbau, die du nicht kontrollieren kannst. Die anderen beiden, deine Sparrate und deine Kosten, bekommen deutlich weniger Aufmerksamkeit, obwohl sie planbar sind. Dieser Ratgeber zeigt, was der Zinseszins tatsächlich leistet, was ihn bremst und wie viel Schwankung du dafür in Kauf nimmst.
Was Rendite bedeutet
Rendite ist der Ertrag einer Anlage im Verhältnis zum eingesetzten Kapital, meist in Prozent pro Jahr. Sie unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt vom Zinssatz: Ein Zinssatz wird dir zugesagt, eine Rendite stellt sich heraus.
Bei Aktien und ETFs setzt sich die Rendite aus zwei Teilen zusammen: der Kursveränderung und den Ausschüttungen. Beide zusammen ergeben die Gesamtrendite, auf Englisch Total Return. Wenn du in einer Grafik nur den Kursverlauf eines ausschüttenden ETF siehst, fehlen dort die ausgezahlten Dividenden. Der tatsächliche Ertrag war höher als die Kurve zeigt.
Drei Begriffe solltest du auseinanderhalten:
- Nominale Rendite
- Das reine Plus in Euro, ohne Berücksichtigung der Geldentwertung.
- Reale Rendite
- Die nominale Rendite abzüglich Inflation. Sie beschreibt, wie viel mehr du dir tatsächlich leisten kannst.
- Nettorendite
- Was nach Kosten und Steuern bei dir ankommt. Nur diese Zahl zählt am Ende.
Der Zinseszins und warum er so spät wirkt
Der Zinseszinseffekt ist schnell erklärt: Erträge bleiben investiert und erwirtschaften wieder Erträge. In der Praxis bedeutet das, dass Vermögen nicht in einer Geraden wächst, sondern in einer Kurve, die immer steiler wird.
Der entscheidende und oft übersehene Punkt: Am Anfang passiert fast nichts. Wer 100 Euro im Monat einzahlt, hat nach fünf Jahren 6.000 Euro eingezahlt und ungefähr 1.200 Euro Ertrag. Das fühlt sich nach wenig an. Genau in dieser Phase brechen die meisten ab.
Modellrechnung mit monatlicher Einzahlung zu Monatsbeginn, 7 Prozent Rendite pro Jahr, ohne Steuern und Kosten. Nach 30 Jahren stammen rund 70 Prozent des Depotwerts aus Erträgen.
Nach zehn Jahren stammen etwa 31 Prozent des Depotwerts aus Erträgen, nach 20 Jahren 54 Prozent, nach 30 Jahren 71 Prozent. Der Zinseszins übernimmt also erst nach etwa 15 Jahren die Hauptarbeit. Wer nach fünf Jahren enttäuscht aufhört, steigt genau vor dem Teil aus, für den er die ersten Jahre durchgehalten hat.
Zeit schlägt Sparrate
Aus der Form der Kurve folgt eine Konsequenz, die den meisten Menschen erst spät klar wird: Ein früher Start ist wertvoller als eine hohe Rate. Der Vergleich zweier Sparer macht das greifbar. Beide legen bis 65 an, beide erzielen 7 Prozent pro Jahr.
Modellrechnung mit 7 Prozent Rendite pro Jahr, ohne Steuern und Kosten. Der frühe Sparer zahlt 24.000 Euro weniger ein und landet trotzdem rund 200.000 Euro höher.
Der frühe Sparer zahlt insgesamt 24.000 Euro weniger ein und liegt am Ende trotzdem rund 202.000 Euro vorn. Der Unterschied entsteht ausschließlich durch die 15 zusätzlichen Jahre, in denen die Erträge selbst arbeiten konnten.
Was Kosten anrichten
Kosten wirken wie ein Zinseszins mit umgekehrtem Vorzeichen. Sie werden jedes Jahr auf das gesamte Vermögen berechnet, also auch auf die Erträge der Vorjahre. Deshalb ist ein Prozentpunkt Gebühr über 30 Jahre kein Prozentpunkt weniger Vermögen, sondern deutlich mehr.
Modellrechnung mit 7 Prozent Bruttorendite pro Jahr. Die Kosten werden direkt von der Rendite abgezogen. Nach 30 Jahren beträgt der Unterschied rund 52.000 Euro, bei 72.000 Euro Einzahlungen.
Der Unterschied von 1,3 Prozentpunkten kostet über 30 Jahre rund 52.000 Euro. Das entspricht etwa 72 Prozent der gesamten Einzahlungen. Kosten sind damit die einzige Größe in dieser Rechnung, die du vorher kennst und beeinflussen kannst.
Zu den Kosten zählen nicht nur die laufende Gebühr des Fonds, sondern auch:
- Ordergebühren beim Kauf und Verkauf. Bei kleinen Sparraten fallen prozentuale Gebühren stark ins Gewicht.
- Depotgebühren, die manche Banken jährlich berechnen.
- Spread, also die Differenz zwischen An- und Verkaufskurs an der Börse. Er ist bei großen ETFs zu Haupthandelszeiten sehr klein.
- Steuern, die kein Kostenpunkt im engeren Sinn sind, aber genauso von der Nettorendite abgehen. Mehr dazu im Ratgeber Steuern auf Aktien und ETFs.
Was die Inflation abzieht
Inflation ist der stille Teil der Rechnung. Sie senkt nicht deinen Kontostand, sondern das, was du dafür bekommst.
Bei 2 Prozent Inflation pro Jahr haben 100.000 Euro in 30 Jahren noch die Kaufkraft von rund 55.000 Euro heute. Umgekehrt gilt: Von 7 Prozent Nominalrendite bleiben real etwa 4,9 Prozent übrig.
| Inflation pro Jahr | Nach 10 Jahren | Nach 20 Jahren | Nach 30 Jahren |
|---|---|---|---|
| 2 % | 82.000 € | 67.000 € | 55.000 € |
| 3 % | 74.000 € | 55.000 € | 41.000 € |
| 4 % | 68.000 € | 46.000 € | 31.000 € |
Auf dem Tagesgeldkonto arbeitet die Inflation ohne Gegenwehr. Ein Zinssatz von 2 Prozent bei 3 Prozent Inflation bedeutet real minus 1 Prozent pro Jahr. Genau deshalb ist die Frage nicht, ob Anlegen riskant ist, sondern welches Risiko du bewusst wählst: schwankende Kurse oder sicheren Kaufkraftverlust.
Risiko heißt Schwankung, nicht Totalverlust
Bei einem breit gestreuten Weltdepot ist das Risiko nicht, dass dein Geld verschwindet. Das Risiko ist, dass es zeitweise viel weniger wert ist und du in dieser Phase verkaufen musst oder willst.
Rückgänge von 30 bis 50 Prozent sind an Aktienmärkten historisch mehrfach vorgekommen. Wichtig ist die Asymmetrie dahinter: Ein Verlust braucht eine größere prozentuale Erholung, um wieder ausgeglichen zu sein.
Reine Rechnung: Nach einem Rückgang um 50 Prozent muss sich der Kurs verdoppeln, um wieder beim Ausgangswert zu sein.
Diese Mathematik ist auch das Argument gegen konzentrierte Wetten. Verliert eine einzelne Aktie 70 Prozent, braucht sie mehr als eine Verdreifachung, um dich wieder auf null zu bringen. Ein Weltindex fällt in derselben Krise weniger tief, weil sich Branchen und Regionen unterschiedlich entwickeln.
Diversifikation: der einzige Weg, Risiko zu senken, ohne Rendite aufzugeben
Streuung heißt, dein Geld so aufzuteilen, dass nicht alle Positionen gleichzeitig fallen. Sinnvoll gestreut wird über vier Ebenen:
- Über Unternehmen. Ein Welt-ETF enthält über tausend Firmen. Kein einzelnes Unternehmen kann dein Depot entscheidend beschädigen.
- Über Branchen. Wenn Technologiewerte fallen, halten Konsumgüter oder Gesundheit häufig besser.
- Über Regionen. Nationale Krisen treffen nicht alle Märkte gleich stark.
- Über die Zeit. Ein Sparplan kauft in guten und in schlechten Phasen und mittelt so den Einstiegskurs.
Was nicht funktioniert, ist Scheindiversifikation: fünf ETFs, die alle überwiegend dieselben großen US-Konzerne enthalten. Prüfe im Zweifel, was tatsächlich in deinen Positionen steckt, bevor du eine weitere kaufst.
Welche Renditeannahme du für die eigene Planung nutzen solltest
Für Modellrechnungen sind 7 Prozent pro Jahr die gängige Annahme für breit gestreute Aktienmärkte. Diese Zahl ist ein historischer Durchschnitt über sehr lange Zeiträume und keine Zusage. Für deine Planung ergeben sich daraus zwei praktische Regeln:
Rechne konservativ. Wenn dein Plan nur bei 8 Prozent aufgeht, ist es kein Plan, sondern eine Hoffnung. Rechne die entscheidenden Ziele zusätzlich mit 4 oder 5 Prozent durch.
Rechne real. Ziehe die erwartete Inflation ab, wenn du dir überlegst, was das Kapital später wert sein soll. 500.000 Euro in 30 Jahren fühlen sich heute nach viel an und entsprechen bei 2 Prozent Inflation etwa 276.000 Euro heutiger Kaufkraft.
Was du daraus mitnimmst
Die Rendite ist die einzige Größe in dieser Rechnung, die dir niemand garantieren kann. Alles andere ist Handwerk: früh anfangen, Kosten niedrig halten, breit streuen, den Anlagehorizont ernst nehmen und in schlechten Phasen nicht verkaufen. Wer diese fünf Punkte beherzigt, braucht keine besonders gute Rendite, um am Ende ein ordentliches Vermögen zu haben.
Häufige Fragen
Welche Rendite ist bei einem Welt-ETF realistisch?
Breit streuende Aktienmärkte haben über sehr lange Zeiträume im Mittel etwa 7 Prozent pro Jahr vor Inflation geliefert. Diese Zahl ist ein historischer Durchschnitt über Jahrzehnte, keine Zusage für die nächsten zehn Jahre. Für eigene Planungen ist es sinnvoll, mit 5 bis 7 Prozent zu rechnen und zusätzlich durchzuspielen, was passiert, wenn es nur 4 Prozent werden.
Was bedeutet der Zinseszinseffekt konkret?
Erträge, die dein Kapital erwirtschaftet, bleiben investiert und erwirtschaften selbst wieder Erträge. Dadurch wächst das Vermögen nicht gleichmäßig, sondern immer schneller. In den ersten Jahren ist der Effekt kaum sichtbar, weil die Erträge klein im Verhältnis zu den Einzahlungen sind. Nach etwa 15 Jahren kippt das Verhältnis, und ab dann trägt der Zinseszins den größten Teil des Wachstums.
Wie stark schmälert die Inflation meine Rendite?
Die Inflation zieht direkt von deiner Rendite ab. Bei 7 Prozent Nominalrendite und 2 Prozent Inflation bleibt eine reale Rendite von etwa 4,9 Prozent. Anders herum betrachtet: Bei 2 Prozent Inflation haben 100.000 Euro in 30 Jahren nur noch die Kaufkraft von rund 55.000 Euro heute. Das ist kein Argument gegen das Anlegen, sondern gegen das Liegenlassen auf dem Girokonto.
Was ist der Unterschied zwischen Rendite und Zinssatz?
Ein Zinssatz ist vertraglich zugesagt, etwa bei Tages- oder Festgeld. Die Rendite ist das tatsächliche Ergebnis einer Anlage im Nachhinein, inklusive Kursveränderungen, Ausschüttungen und Kosten. Bei Aktien und ETFs gibt es keinen Zinssatz, sondern nur eine Rendite, die im Voraus unbekannt ist.
Wie viel Schwankung muss ich aushalten können?
Bei einem reinen Aktiendepot solltest du damit rechnen, dass der Depotwert zwischenzeitlich um 30 bis 50 Prozent fällt. Das ist in der Vergangenheit mehrfach vorgekommen und wird wieder vorkommen. Entscheidend ist, ob du in dieser Phase weiter einzahlen kannst, ohne verkaufen zu müssen. Wer das nicht durchhält, senkt besser den Aktienanteil, statt auf ruhige Märkte zu hoffen.
Lohnt sich Sparen überhaupt noch bei niedriger Rendite?
Ja, denn die Sparrate ist der Teil, den du kontrollierst. Bei einer Rendite von 4 statt 7 Prozent brauchst du länger oder musst mehr einzahlen, aber der Zinseszins wirkt weiterhin. Wer gar nicht anlegt, verliert dagegen jedes Jahr real Kaufkraft, weil die Inflation auf dem Girokonto ohne Gegenwehr wirkt.