Entnahmestrategien: vom Depot leben, ohne es zu früh zu leeren

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Sparen ist eine Richtung: jeden Monat Geld rein. Entnehmen ist die andere: das vorhandene Depot so anzapfen, dass es bis zum Ende reicht und du trotzdem leben kannst. Dafür brauchst du Annahmen zu Ausgaben, Lebensdauer und Rendite. Alle drei können danebenliegen.

Was du vorher festlegen solltest

Monatlicher Bedarf. Nimm heutige Ausgaben, streiche die Sparrate, addiere Dinge, die im Ruhestand dazukommen (Reisen, Gesundheit), und ziehe die erwartete gesetzliche Rente ab. Der Rest muss aus dem Depot kommen. Inflation nicht vergessen: 2 Prozent pro Jahr verdoppeln die Preise grob in 35 Jahren.

Wie lange. Der Median der Lebenserwartung ist die falsche Zielmarke. Rund die Hälfte der Männer wird älter als 82, der Frauen älter als 87. Wer die Entnahme daran hängt, liegt in der Hälfte der Fälle zu kurz. Sichere Planung rechnet eher bis Anfang/Mitte 90, plus Puffer.

Wahrscheinlichkeit, dieses Alter nicht zu erreichen Männer Frauen
50 % 82 Jahre 87 Jahre
90 % 93 Jahre 96 Jahre
95 % 95 Jahre 98 Jahre
Orientierung aus Periodensterbetafeln, gerundet. Keine individuelle Prognose.

Ab 67 ergeben 90-Prozent-Werte grob 26 bis 29 Entnahmejahre. Mit Puffer landest du bei 30 bis 35.

Zwei Risiken, die die Ansparphase nicht hat

Renditereihenfolge. In der Sparphase hilft ein früher Crash oft, weil du billig nachkaufst. In der Entnahme ist er Gift: Du verkaufst ins Minus, die Erholung läuft ohne die verkauften Anteile. Dieselbe 7-Prozent-Durchschnittsrendite kann 30 Jahre tragen oder nach 18 Jahren leer sein, nur weil die schlechten Jahre vorn lagen.

Langlebigkeit. Du lebst länger als geplant. Dann hilft nur, vorher konservativ gerechnet oder den Konsum rechtzeitig gesenkt zu haben.

Aus beidem folgt eine Pleitewahrscheinlichkeit: In manchen historischen oder simulierten Pfaden ist das Depot vorbei, bevor du es bist.

Verkaufen oder von der Dividende leben

Zwei Techniken, Geld aus dem Portfolio zu holen.

Ausschüttungen fühlen sich an, als bliebe das Kapital unberührt. Der Kurs fällt am Ex-Tag um die Dividende. Die Gesamtrendite ist Kurs plus Ausschüttung, nicht plus obendrauf. Steuerlich zählt die ganze Dividende als Ertrag.

Ein Verkauf mischt Einzahlung und Gewinn. Nur der Gewinn wird besteuert. Für 10.000 Euro Bedarf zahlst du oft weniger Steuer als auf 10.000 Euro Dividende.

Drei Strategien, jede mit einem Haken

1. Gleichbleibender Betrag, kein Aktienrisiko

Das Geld liegt auf Tagesgeld oder in sehr sicheren Anlagen. Bei 30 Jahren Entnahme nimmst du jedes Jahr 1/30, also etwa 3,3 Prozent des Startkapitals. Kein Marktrisiko, kein Sequence-of-Return-Problem, wenn die Laufzeit stimmt.

Der Preis: ohne Risikoprämie brauchst du ein großes Depot für denselben Lebensstandard.

2. Gleichbleibender Betrag, Depot bleibt investiert

Du legst einen Prozentsatz vom Startkapital fest und passt ihn jährlich an die Inflation an. Klassiker ist die 4-Prozent-Regel aus der Trinity-Studie (1998): 4 Prozent im ersten Jahr, 30 Jahre, US-Aktien und Anleihen, ohne Steuern und Gebühren.

Kritik, die du ernst nehmen solltest: 30 Jahre sind für viele zu knapp. Die Daten sind US-lastig. Kosten und Abgeltungsteuer fehlen. 4 Prozent können zu hoch sein. 3 bis 3,5 Prozent sind die vorsichtigere Hausnummer, wenn du länger planst.

Jährliche Entnahme von 400.000 Euro Startkapital

Nur das erste Jahr, vor Steuern. Danach steigt der Betrag mit der Inflation, das Depot schwankt weiter.

Mehr Streuung, zuerst den sicheren Teil anzapfen und in schlechten Jahren auf den Inflationsausgleich verzichten senken die Pleitewahrscheinlichkeit. Dafür lebst du real irgendwann kleiner.

3. Flexible Entnahme am aktuellen Depot

Jedes Jahr ein Prozentsatz vom aktuellen Wert, oft so gewählt, dass das Kapital am geplanten Ende auf null läuft. Fällt der Markt, entnimmst du weniger. Steigt er, mehr.

Das Renditereihenfolge-Risiko verschwindet fast, weil du nicht stur denselben Euro verkaufst. Dafür schwankt der Lebensstandard. Manche setzen eine Untergrenze (Mindestbedarf) und eine Obergrenze (Rest bleibt im Depot).

Du kannst nur zwei von drei haben

Statisch, kein Risiko Statisch, mit Aktien Flexibel
Hoher Konsum nein ja ja
Gleichmäßiger Konsum ja ja nein
Geringe Pleitewahrscheinlichkeit ja nein ja
Welche Ecke du aufgibst, ist Geschmack und Risikobereitschaft, keine Rechenaufgabe mit einer richtigen Lösung.

Statisch ohne Risiko opfert Konsum. Statisch mit Aktien trägt ein Restpleiterisiko. Flexibel verlangt, in schlechten Jahren kleiner zu leben.

Wie Schwankungen sich anfühlen, bevor du entnimmst, steht in Schwankungen aushalten. Die Steuer auf Verkäufe in Steuern auf Aktien und ETFs.

Häufige Fragen

Was ist die 4-Prozent-Regel?

Du entnimmst im ersten Jahr 4 Prozent des Depotwerts und passt den Betrag danach an die Inflation an. Die Trinity-Studie hat das für 30 Jahre und US-Märkte durchgerechnet. Steuern, Gebühren und längere Entnahmen fehlen dort. Viele rechnen deshalb eher mit 3 bis 3,5 Prozent, wenn sie 35 oder 40 Jahre überbrücken wollen.

Ist von Dividenden leben sicherer als Verkaufen?

Es fühlt sich sicherer an, weil du keine Anteile anfasst. Wirtschaftlich sinkt der Kurs um die Ausschüttung. Steuerlich zahlst du auf die ganze Dividende, während ein Verkauf nur den Gewinnanteil trifft. Für den Alltag kann die Ausschüttung trotzdem praktisch sein. Als alleinige Strategie ist sie oft teurer und unflexibler.

Wie lange soll ich die Entnahme planen?

Wer mit 67 beginnt, liegt mit 30 Jahren auf der sicheren Seite der Statistik, plus Puffer. Der Median (rund 82 Jahre bei Männern, 87 bei Frauen) bedeutet: die Hälfte lebt länger. Für die Planung taugt eher das Alter, das nur noch 10 Prozent erreichen, plus medizinischen Fortschritt.

Was ist das Sequence-of-Return-Risiko?

Dieselbe Durchschnittsrendite kann reichen oder nicht, je nachdem, wann die schlechten Jahre kommen. Fällt der Markt in den ersten Entnahmejahren um 30 Prozent und du verkaufst trotzdem, fehlen genau die Anteile, die die Erholung tragen würden. Späte Crashs treffen ein schon kleineres Depot weniger hart, wenn du vorher weniger verkauft hast.

Welche Strategie ist die beste?

Keine. Statisch ohne Aktienrisiko ist planbar und braucht viel Kapital. Statisch mit Aktienrisiko erlaubt mehr Konsum und kann pleitegehen. Flexibel passt die Entnahme an den Kurs an und schwankt im Lebensstandard. Du wählst, welchen Nachteil du trägst.

Hinweis: Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und Bildung. Er stellt keine Anlageberatung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Alle Angaben, Renditen und Beispielrechnungen sind sorgfältig recherchiert, können sich jedoch ändern. Eine Gewähr für Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit übernehmen wir nicht. Kapitalanlagen sind mit Risiken verbunden, bis hin zum Totalverlust.

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